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Alvvays

So ein Hype kann für eine Band vor- wie nachteilig sein. Wenn alles gut läuft, weiß jeder Musikfan von Los Angeles bis Berlin schon Monate vorher über das kommende Album Bescheid, kauft das Ding, freut sich darüber und erzählt es weiter. Wenn das Werk den Vorschusslorbeeren aber nicht gerecht werden kann, beginnt alsbald nach Erscheinen die öffentliche Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Aus dem einstigen Hoffnungsträger des jeweiligen Musikgenres wird dann die größte Enttäuschung seit jenem schmerzhaften Moment, in dem man als Kind herausfinden musste, dass es ja doch nur der olle Papa im Weihnachtsmann-Kostüm ist. Wie gut, dass im Fall des kanadischen Quintetts Alvvays der Hype schneller wieder vorbei war, als man anfangs für möglich gehalten hatte.

Denn trotz der zwei hervorragenden Singles "Adult diversion" und "Archie, marry me" wurde es schnell wieder recht still um die Band rund um Sängerin Molly Rankin. Die Tochter eines Folkmusikers dürfte es gelassen sehen, handelt es sich hier möglicherweise nur um die Ruhe vor dem Sturm. Denn Alvvays, deren 60er-Jahre-Pop etwa an Best Coast erinnert, haben mit ihrem Debüt eigentlich die besten Voraussetzungen, ein kleines Highlight des Jahres zu werden: "Alvvays" wurde in Chad VanGaalens Yoko-Eno-Studio aufgenommen und von Graham Walsh (Holy Fuck) und John Agnello produziert, der auch schon bei Kurt Vile und Sonic Youth an den Reglern saß. Und mit Songs wie den beiden bereits genannten Singles oder auch dem luftig-jangligen "Next of kin" machen sie es der Hörerschaft schwer, ihrem melancholischen Charme auszuweichen.

"I left my love in the river / The only one who sees", träumt Rankin hier laut vor sich hin und schafft dabei eine zeitlose Atmosphäre, die auch die übrigen acht Songs trägt. Alvvays leben den Augenblick, verpassen ihrer Musik jedoch an die Vergangenheit erinnernde weiche Sepia-Töne, und obgleich es sich oberflächlich betrachtet um harmlosen Surf-Pop handelt, ist stets eine allgegenwärtige Melancholie und Unruhe zu verspüren – wie es etwa auch bei Real Estate oder The Drums der Fall ist. Im schwermütigen "The agency group" macht Rankin jedenfalls keinen Hehl um ihre tiefe Traurigkeit, und auch im lebhaften Opener "Adult diversion" ist da immer diese Ambivalenz zwischen Hoch und Tief, die bei Alvvays nicht zufällig entsteht, sondern fest zum Grundgerüst ihrer Musik gehört.

Deutlich dreampoppiger hingegen geben sich "Ones who love you", dessen fuzzige Gitarre und starker Bass fast schon Lo-Fi-artige Züge annehmen, und das zuckersüße "Dives", das sich langsam und gemächlich in den Gehörgang schunkelt. Dort nistet sich auf der Zielgeraden auch das eingängige "Atop the cake" ein, das zwar ein spätes Highlight ist, auf "Alvvays" aber womöglich auch das offensichtlichste. Es bleibt damit bei durch und durch guten Voraussetzungen für die Band, die sich nach dem ersten Hype entspannt zurücklehnen kann, um – mit viel Glück – eine zweite Welle abzuwarten, auf der es sich dann um so besser surfen lässt. Den richtigen Soundtrack haben Alvvays ja bereits geschaffen. (Quelle: Plattentests.de)

Always (kw31 | 28.07. bis 03.08.2014)
Transgressive Records
21.07.2014

 

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