Das Leben ist zu kurz
für eintönige Musik.

Platte der Woche

Coverbild: 
KW 13 28.03-03.04

Major Healing

Artist: 
M.W.Lion
Erschienen: 
25.03.2022
Label: 
Herzog Records

Der Hamburger Drum-Virtuose Michael Pahlich veröffentlicht sein Debüt. Als M.W. Lion vereint er Spoken Word, HipHop, R&B, Soul und Jazz in einem lässigen Album, das nicht weniger als die Heilung des Planeten verspricht. Zuerst standen die Beats: 77 an der Zahl. Sechs Dutzend Songs, das war das Grundgerüst, über das Michael „White Lion“ Pahlich aka M.W. Lion verfügte, nachdem er sich ein festes Instrumenten-Setup gebaut hatte. Die HauptIngredienzien für sein Debütalbum: Schlagzeug, Vibraphone, Rhodes Piano und ein Hohner Bass Synthesizer. Es war das Jahr 2017 und Pahlich probierte sich im Studio des Hamburger House-Entertainers Carsten „Erobique“ Meyer aus. Fünf Jahre später ist „Major Healing“ endlich ausgereift. Das bemerkenswerte Werk eines Künstlers, der selbst beinahe so etwas wie eine Legende ist – allerdings eine, die außerhalb von Musikerkreisen wenig bekannt ist. Pahlich, studierter Jazzmusiker, ist ein seit über 20 Jahren in Hamburg beheimateter Schlagzeuger, Perkussionist und Vibraphonist. Er verbrachte längere Zeit in Äthiopien und Marokko, tourte mit Roots-Reggae-Veteran Jamaica Papa Curvin, dem New Yorker Dub-Kollektiv Easy Star Allstars und dem deutschen Rapper D-Flame. Seit Jahrzehnten ist er festes Mitglied im Trio des Hamburger Gitarristen Massoud Godemann.

„Das Eintauchen in andere Welten hat mich schon immer gereizt“, sagt Pahlich, der sich intensiv mit Sufismus, Buddhismus und Schamanismus auseinandergesetzt hat. „Es geht um Selbsterkenntnis. Und darum: welche Menschen tun einem gut.“ Es müssen so einige sein, mit denen der Drummer gut harmoniert. Auf „Major Healing“, seinem Album als M.W. Lion, gibt es Features von einigen der talentiertesten Sängerinnen der Hamburger Soul- und Pop-Szene. Ob das optimistisch soulige „Spice it up“ mit Mascha Litterscheidt, die süffigen Gesangsharmonien im Titelsong von N ́Gone Thiam (Jan Delay Band) oder die lässigen Spoken-Word-Künste von Sista Oloruntoyin auf „Love the Light“ – hier ist alles im Fluss. Pahlich ließ seinen Gästen größtmögliche Freiheit: aus seiner Beat-Bibliothek durften sich die KünstlerInnen die aussuchen, die ihnen am geeignetsten erschienen. Weitere Features kamen aus der HipHop-Ecke: die virtuos flowenden Oldschool-Raps von Rapturous und Redchild fügen sich perfekt in M.W. Lions reduzierte Soundcollagen ein. Die sind so herrlich abgekoppelt von der Realität wie der „Airplane Mode“, von dem Ason mit unnachahmlich britischem Touch rappt. Das Resultat ist eine relaxte Mischung aus HipHop, R&B, Soul und einer Spur Dub. So entspannt wie ein Sommerabend an der Elbe oder ein Nachmittagschill auf dem St. Paulianer Heiligengeistfeld. „Ich möchte keine Töne spielen, die die Musik nicht braucht“, sagt Pahlich, der das Artwork des Album selbst gestaltet hat. „Das Höher-Schneller-Weiter, das im Jazz so verbreitet ist, hat mich abgeschreckt. Jeder Song sagt einem schon, was er braucht.“ Die Gelassenheit des gebürtigen Hessen kommt nicht von ungefähr. Nach seinem Abitur („Humanistisches Gymnasium – das absolute Grauen“) ging er 1998 auf Weltreise und landete auf Jamaika. Auf Wanderung unweit von Kingston, in den Blue Mountains, gesellte sich zu dem weißen Jungen mit den Rastalocken eine Gruppe von Kindern: „Look at him, he’s a white lion“. So bekam Pahlich seinen Künstlernamen – unter dem er schon oft im Duo mit Redchild aufgetreten ist. 

 Bleibt die Frage: was bedeutet „Major Healing“? „In dem Titel stecken natürlich die vielen Dur-Akkorde“, sagt Pahlich, „und die große Heilung, die unsere Gesellschaft benötigt. Genauso gut könnte der Major aber eine Person sein. Ein Typ, der in unsere Welt eingreifen muss, weil die Menschen Mist bauen. Eine Entität aus einer anderen Dimension.“ Mit der Anrufung kosmischer Kräfte befindet sich M.W. Lion in bester Gesellschaft. Wie einst das Werk von Sun Ra, der vom Planeten Saturn zur Erde reiste, um die rassistische Gesellschaft zu bekämpfen, ist „Major Healing“ ein seelenvoller Beitrag zur spirituellen Genesung. „Kreativität ist die Möglichkeit des Künstlers, das kollektive Bewusstsein anzuzapfen“, sagt Pahlich. Ein Bewusstsein, angefüllt mit Offbeats, Soul und ganz viel Bass.

 

Tracklist: 
1Spice it up feat. Masha
2Spread ur wings feat. Rapturous
3Love the light feat. Sista Oloruntoyin & Djamila
4Major Healing feat. N’gone
5Chill real smooth feat. Redchild
6Four Species feat. DJ Suro
7Life on the edge feat. Rapturous
8Can’t take my eyesof you feat. Yasmin K. & Redchild
9Speak that cold feat. Ason
10The only true wisdom feat. Stokely

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