Platte der Woche

Coverbild: 
KW 14 | 01.04. bis 07.04.2013

Imaginature

Artist: 
HK119
Erschienen: 
21.02.2013
Label: 
One Little Indian

HK119 ist das alter Ego der finnischen multimedia Künstlerin und Sängerin Heidi Kilpeläinen, die in London lebt und arbeitet. Aufgenommen hat Heidi Kilpeläinen ihr neues Album „Imaginature zusammen mit Christoffer Berg, der zuvor schon mit Künstlern wie Depeche Mode, The Knife, Fever Ray, Karin Park, Little Dragon, Justin Timberlake oder Massive Attack zusammengearbeitet hat.

Die Natur erwächst aus den kleinsten Dingen; aus einer winzigen Eichel wird eine mächtige Eiche, das Zwitschern eines Vogels kann Welten verändern. Genau so geschah es bei Heidi Kilpeläinen aka HK119. Ihr drittes Album „Imaginature“ entstand unter den Schutzgeistern von Tieren, Pflanzen, dem Himmel, der Erde und des Meeres – eine organische Kunst-Welt, die weit entfernt ist von dem überstilisierten Future-Pop ihrer bisherigen Arbeiten. Die Saat für diese neue Blüte von HK119 ist bezaubernd wie simpel: Als die Künstlerin im Urlaub durch ihre Heimat Finnland spazierte, wurde sie von Vogelgezwitscher aufgehalten. „Ich kann mich nicht erinnern, je einem Vogel derart gelauscht zu haben“, staunt sie. „Es war wirklich skurril. Und plötzlich ist mir klar geworden, dass es einen Unterschied gibt zwischen Hören und tatsächlichem Zuhören.“

intensivste Gefühle hervor, wie es sonst nur Naturerlebnisse können. „Wild Grass“ erinnert mit seiner Melange aus Vogelgezwitscher, pfeifenden Synthie-Sounds und weich gepolsterten, kreisenden Beats ebenso an Dead Can Dance wie an Fever Ray. „Iceberg, so klar und frisch wie sein gigantischer Namensvetter, beschwört einen Liebhaber mit glitzernd kalter Oberfläche und versteckten Tiefen herauf, während Songs wie „Hide“ und „Snowblind“ mit ihrem Sinn für Raum und Präzision aber auch ihren romantisch anschwellenden Refrains an Eurythmics erinnern.

Es waren schon immer mehrere Charaktere in Heidi Kilpeläinens kreativer Seele am Zug. Auf der einen Seite die nach London verpflanzte Finnin, ausgebildet am renommierten St. Martins College of Art and Design; auf der anderen Seite der hyperreale Charakter HK119, den die Musikerin als Frontfrau für ihr Perfomance-Kunstprojekt erfand. HK119, benannt nach einem fiktiven Barcode, eine futuristische Satire auf Konsum und Technologie. Letztere beschrieb Kilpeläinen als „bitch from hell“, die fröhlich das selbstbetitelte Debüt der Künstlerin sowie den Nachfolger „Fast, Cheap And Out Of Control“ dominierte. Die neu eingeschlagene künstlerische Richtung auf „Imaginature“, unserer neuen Platte der Woche, dagegen erlaubt Heidi Kilpeläinen selber, das Ruder zu übernehmen. Dazu gehört auch der musikalische Richtungswechsel. Wie der Autor Lönnrot, sammelte die Musikerin Field Recordings. Den Sound der Wellen am Meer, das Stapfen durch tiefen Schnee, summende und brummende Insekten bearbeitete sie an ihrem Computer und wob sie in ihre Songs, die zum ersten Mal am Klavier in ihrem Wohnzimmer entstanden.

Die 11 Stücke der neuen Platte skizzieren eine Symbiose aus künstlichen, unwirklichen Lo-Fi-Texturen und organisch klingenden Wohlfühlsounds. Dieser Widerspruch macht "Imaginature" bereits vom ersten Takt an, zur glühenden Büchse der Pandora. Man kann nicht anders, als sich der starken, überirdischen Anziehungskraft vollends hinzugeben, die von ihr ausgeht. Sofort will man mit allen Sinnen erkunden, was sich hinter jener pulsierenden Versuchung verbirgt und nimmt dafür in Kauf, dass sich das Hier und Jetzt für immer verändern wird. Denn sind Songs wie "Iceberg" oder "Moss" einmal auf die Welt losgelassen, bäumen sie sich zu übermächtigen apokalyptischen Tracks auf, die nach der alleinigen musikalischen Weltherrschaft verlangen.

Alles in allem schickt „Imaginature“ mit seiner Kombination aus dunklen, verzerrten Vocals, hypnotischen Rhythmen und einer geräumig geschichteten Produktion unsere Sinne auf eine Taumreise, in der alles möglich zu sein scheint. Modernität und Geometrie, harte Kanten und glänzend elektronischer Pop wachsen zu einem fürsorglichen Sound zusammen, dessen trügerische Zierlichkeit das Ergebnis eines Prozesses ist, den Kilpeläinen schlicht als „Revolution“ bezeichnet.

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