Platte der Woche

Coverbild: 
KW 23 | 03.06. bis 09.06.2013

Infinity Pool

Artist: 
When Saints Go Machine
Erschienen: 
23.05.2013
Label: 
!K7 Records / Alive

Eines der Klischees über skandinavische Länder ist, dass sie sauber sind, stets aufgeräumt und ordentlich. Auf das zweite Album "Infinity Pool" der vierköpfigen Band When Saints Go Machine aus Kopenhagen trifft das nicht wirklich zu. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Aufnahmen entspringen einer Atmosphäre von Chaos. Frontmann Nikolaj Manuel Vonsild erklärt: „Wir haben versucht, dieses Album in einem Sommerhaus auf dem Land aufzunehmen. So wie wir es beim letzten Mal gemacht haben. Aber es fühlte sich nicht richtig an. Wir haben auch versucht, in ein großes Studio zu gehen und einfach unsere Skizzen aufzunehmen, aber das hat auch nicht geklappt. Am Ende hat es am besten funktioniert, die Dinge getrennt zu Hause aufzunehmen, mit einem eher chaotischen Ansatz also.“

Was nicht bedeutet, dass das Ergebnis zerfahren klingt. Es ist zweifellos härter, dunkler und synthetischer als seine Vorgänger. Es beginnt mit "Love And Respect", garniert von einem Gast-Vocal des Grammy-Preisträgers und Rappers Killer Mike. „Ich glaube, die Leute werden überrascht sein, dass es einen Rapper auf dem Album gibt“, sagt Vonsild. „Wir hatten aber nunmal einen Song, wo wir das Gefühl hatten, es brauche einen Rap-Vers dazu. Für uns gehört es zum Musikmachen dazu, dass wir uns immer wieder selber überraschen. Wenn wir das nicht mehr tun, müssen wir aufhören, Musik zu machen.“ Überraschungen warten auch an anderen Stellen des Albums: Bei "Dead Boy" schwebt Vonsilds Falsett digitalisiert verzerrt über einem atmosphärischen Klangteppich, während bei "Infinity Killer" skurrile Soundeffekte auf eine Low-End-Drohne prasseln.

Es ist sehr viel kompromisslosere elektronische Musik, als man es von der Band bislang gewohnt war. „Auf dem vorherigen Album "Konkylie" haben wir versucht mit Maschinen Natur zu simulieren“, sagt Vonsild. „Mit "Infinity Pool" wollten dagegen die Absurdität erfassen, dass die Menschheit versucht, Natur zu konstruieren. Vielleicht hat es etwas mit dem Leben in der Stadt zu tun. Man ist immer davon beeinflusst, was um einen herum vorgeht.“

Es hat allerdings auch etwas mit der Musik zu tun, die die Band inspiriert hat. „Es gibt eine Vielzahl von Referenzen auf die frühen 90er Jahre auf dem Album“, sagt Vonsild. „Es ist kein Rave-Album, aber es gibt eine Menge von Rave-Elementen. "Degeneration" fasst zusammen, was wir dabei ausprobieren wollten. Ich denke, das ist ein Song, den so niemand anderes hätte machen können. Es gibt einige Tracks auf dem Album, die hätten unter anderem Umständen fast Rave-Songs sein können.“

Statt aber diese Rave-Einflüssen voll auszuschlachten, taten sie das Gegenteil von dem, was man erwarten würde: Sie reduzierten sie aufs Wesentliche und verwandelten sie in etwas Neues. „Bei "Degeneration" gibt es nur sehr wenige Instrumente und es passiert nicht wirklich etwas“, erklärt Vonsild. „Wir haben versucht, Layer wegzulassen. Doch generell bestehen die meisten unserer Produktionen aus vielen Layer in jedem Lied. Ich glaube, der zentrale Unterschied zwischen beiden Alben ist, dass bei "Konkylie" jeder dieser Layer um die größte Aufmerksamkeit kämpfte. Während wir diesmal versucht haben, den Sound viel unmittelbarer und einfacher klingen zu lassen. Dieses Album ist langsamer und härter. Es gibt eine Vielzahl von Spuren ohne Schlagzeug, aber wenn dann spielen die Drums eine wichtige Rolle in dem jeweiligen Lied. Es hat dabei aber immer dieses Gefühl von Sehnsucht.“

Es ist eben dieses Sehnsuchtsgefühl, welches das Album zusammenhält - und welches immer erkennen lässt, dass es sich um eine Aufnahme von When Saints Go Machine handelt. Vonsild hält inne und sinniert: „Ich denke, das ist unser Markenzeichen. Sehnsucht nach irgendetwas.“

Er sagt natürlich nicht exakt wonach. Wie immer wollen Vonsild und die Band nur ungern über die Themen der Texte sprechen, sondern wollen dies lieber dem Zuhörer selbst überlassen. Er spricht lediglich über „Dinge, die schwer zu verstehen sind.“ So fährt er fort: „Es scheint, als müssten immer erst Menschen sterben, damit etwas passiert. Es muss erst eine Tragödie geben, damit die Menschen ein Problem angehen. Bevor das nicht geschieht, passiert nichts. Ich denke, das ist die Natur. So etwas kann einen verrückt machen.“

Der dunkle Unterton, ein Merkmal der Band auf früheren Aufnahmen, bleibt bestehen. Es macht die Tatsache umso überraschender, dass When Saints Go Machine im vergangenen Jahr gleich ein ganzes Bündel an Auszeichnungen in ihrer Heimat Dänemark abgeräumt haben. Vonsild ist froh über diese Art von Zuspruch aus der Musikindustrie. „Wir haben einige der größten Auszeichnungen in Dänemark im letzten Jahr gewonnen, was eine Überraschung war“, sagt er. „Aber das berührt in keiner Weise die Art, wie wir Musik machen oder unsere künstlerischen Ideale.“

Zwar sei es schön, gemocht zu werden, sagt Vonsild. Aber es sei weit wichtiger, die Menschen und sich selbst herauszufordern. Er sagt, sie seien nervös gewesen, was die Richtung betrifft, die sie auf "Infinity Pool" nehmen. Eine Art Unbehagen, dass sie außerhalb ihres gewohnten Terrains operieren. „Aber das ist eine gute Sache“, fügt er hinzu. „Immer wenn man Angst hat vor der Veröffentlichung, ist das exakt so, wie man sich als Künstler fühlen sollte.“

In diesem Punkt dürfte ihm wohl niemand widersprechen. Die Angst war es bei diesem Album wert.

01 :: Love and Respect (feat. Kil­ler Mike)
02 :: Infi­nity Kil­ler
03 :: Iodine
04 :: Yard Heads
05 :: Sys­tem of Unli­mited Love
06 :: Men­tal Shop­ping Spree
07 :: Dege­ne­ra­tion
08 :: Man­ne­quin
09 :: Order
10 :: Webs
11 :: Dead Boy
12 :: Slave to the Take in Your Heaven

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