Platte der Woche

Coverbild: 
KW 08 | 18.02. bis 24.02.2013

Push The Sky Away

Artist: 
Nick Cave & The Bad Seeds
Erschienen: 
14.02.2013
Label: 
Bad Seed Ltd. / Rough Trade Distribution

“Push The Sky Away” strahlt eine Natürlichkeit und Wärme aus, die es zu einem der außergewöhnlichsten Alben der Bad Seeds machen. Einem Werk subtiler Schönheit. Durch die Texte ziehen sich wie ein feiner Nebel die Mythen und Orte, die kulturellen Referenzen, die Nick Caves Songs aus dem 21. Jahrhundert prägen - sein ganz persönlicher Blick auf die Welt von seinem Zuhause an der englischen Küste aus, durch die hohen Fenster, wie auf dem mysteriösen und vieldeutigen Albumcover.
Mit seinen Songs hinterfragt und überprüft Nick Cave seine Überzeugungen und Eindrücke, vermisst seine Welt. Bereits bei den frühen Stücken der Bad Seeds aus den 80ern spürt man diese Feinfühligkeit: Die Neugierde, die Lust aufs Experimentieren, die genaue Beobachtung der Zeitläufe und den Sinn für Mythen und Kontinuität. Joseph Campbell, einer der bedeutendsten Mythenforscher des letzten Jahrhunderts, sagte, es seien die Künstler, die die Symbole aus Mythos und Religion neu deuten und ihre Relevanz für die heutige Zeit entschlüsseln. Auf “Push The Sky Away” geht Nick Cave einen Schritt weiter, indem er aufzuzeigen versucht, wie in unserer Zeit Dinge aus ihren Zusammenhängen gerissen werden.

Die Songs haben über ein Jahr hinweg Gestalt angenommen in Nick Caves geliebtem Notizbuch mit dem Schellack-Cover. Das Notizbuch ist ein analoges Artefakt, doch das Internet ist für Nick Cave ebenso essentiell: Er recherchiert Kurioses via Google, ist fasziniert von exotischen Wikipedia- Einträgen, „egal ob sie wahr sind oder nicht“. Wie im World Wide Web weltverändernde Ereignisse, vergängliche Modeerscheinungen und mythisch gefärbte Absurditäten Seite an Seite stehen, davon erzählen die neuen Songs und sie werfen die Frage auf, wie wir erkennen und beurteilen können, was wirklich wichtig ist. Die Songs beleuchten die Nöte unserer Zeit, in der wir immer klarer erkennen, wie sehr die Erfindungen der letzten Jahrhunderte zur Zerstörung der Natur und der sozialen Strukturen beigetragen haben - und verbreiten doch keine Stimmung der Verzweiflung, sondern man spürt einen ruhigen und seelenvollen Widerstand gegen all die wirkenden Kräfte.

Am besten hört man “Push The Sky Away” komplett in einem durch. Man sollte das Album in Echtzeit erleben, so wie auch eine Stunde im Laufe des Tages verstreicht. Denn gerade in ihrer Gesamtheit entwickeln die Stücke eine enorme Kraft. Sie nehmen uns mit in einen tiefen Abgrund und sind doch erhebend. Lassen uns erkennen, daß es nur möglich ist, wahres Glück als solches zu empfinden, wenn wir uns auch mit der Traurigkeit auseinandersetzen. Aufgenommen haben Nick Cave & The Bad Seeds “Push The Sky Away” mit Produzent Nick Launay in Südfrankreich in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, dem Sitz des Studios La Fabrique, in dessen Hauptsaal eine riesige Sammlung Klassik-Schallplatten die Wände ziert. Die Band wohnte dort auch während der Sessions zusammen und alle trafen sich zum Frühstück unter dem Magnolienbaum. Eine große Gemeinschaft, das waren die Bad Seeds zu allen Zeiten. Die heutigen Bad Seeds - Nick, Warren Ellis, Jim Sclavunos, Martin Casey, Thomas Wydler und Conway Savage - spielen seit fast 20 Jahren zusammen. Und dann taucht aus der Vergangenheit auch noch Barry Adamson auf, der erste Bassist der Bad Seeds, und gibt ein Gastspiel auf zwei Tracks.

„Ich gehe ins Studio mit einer Handvoll Ideen, die noch unausgereift und im Puppenstadium sind.“, erzählt Nick Cave. „Die Bad Seeds transformieren sie dann in Wunderwerke. Du kannst jeden fragen, der sie schon mal in diesem Entstehungsprozess erlebt hat: Wie keine andere Band auf der Welt sind die Bad Seeds fähig dazu, instinktiv zu arbeiten, ihrer Erfindungsgabe und ihrem Ideenreichtum freien Lauf zu lassen.“
Auf “Push The Sky Away” wird nicht immer deutlich, welche Instrumente eingesetzt werden. Es mögen traditionelle Musikinstrumente sein, aber manche Sounds sind hörbar mit Objekten erzeugt, die nicht aus der Musikwelt stammen. So kreieren die Bad Seeds eine kollektive musikalische Sprache großer Tiefe und Komplexität. Und wir hören förmlich, welch wichtige Rolle die Bad Seeds in Nick Caves Leben spielen, warum all seine Satellitenprojekte - Romane, Drehbücher, Filmscores, Theaterarbeit, Gastauftritte mit anderen Musikern, die phänomenalen Grinderman - immer wieder auf den Planeten Bad Seeds zurücksteuern.
“Push The Sky Away” zeichnet sich durch eine wunderbare Klarheit und verlockende Fremdartigkeit aus, die sich aus der Verweigerung nährt, irgendwelche Grenzen zu akzeptieren. Nick Cave & The Bad Seeds 2012 / 2013 wollen sich nicht einschränken, weder in dem Einsatz ihrer Instrumente, noch in der Stilistik der Texte oder ihrer spirituellen Horizonte.

Nick Cave gründete die Bad Seeds 1982 nach dem Ende seiner Band The Birthday Party. Im Jahre 1984 veröffentlichten Nick Cave & The Bad Seeds ihr Debütalbum “From Her To Eternity”. Seitdem hat die Band 14 weitere Studioalben eingespielt und ihr Output ist noch immer so unberechenbar und lebendig wie diese frühen, bahnbrechenden Aufnahmen aus den Hansa Studios Berlin. Zahlreiche Künstler berufen sich auf Nick Cave & The Bad Seeds; Ikonen wie Johnny Cash, Metallica oder The Arctic Monkeys haben ihre Songs gecovert.

Tracklisting:
01 :: We No Who U R
02 :: Wide Lovely Eyes
03 :: Water’s Edge
04 :: Jubilee Street
05 :: Mermaids
06 :: We Real Cool
07 :: Finishing Jubilee Street
08 :: Higgs Boson Blues
09 :: Push The Sky Away

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