Platte der Woche

Coverbild: 
KW 10 | 04.03. bis 10.03.2013

To Dust

Artist: 
Alice Russell
Erschienen: 
21.02.2013
Label: 
Differ-ant Rec. / Groove Attack

Alice Russell ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Naturtalent: Bei ihr ist nichts gekünstelt, konstruiert oder aufgesetzt. Im Gegenteil: Ihre massive Soul-Stimme, ihr Sound, ihre ganze Präsenz – das alles ist einfach nur natürlich und echt. Und gerade deshalb immer wieder umwerfend: Ganz gleich, ob sie mit ihrer 16-köpfigen Band (!) eine Masse von 4000 Fans selbst im heftigsten Regen zum Bleiben und schließlich sogar zum Tanzen bewegt (so geschehen beim Montreal Jazz Festival) oder im sehr viel kleineren Club-Rahmen mit „nur sechs Mann“ Begleitung auftritt

Sobald sie ihre gewaltige Soul-Voice auspackt, zieht diese junge Britin das Publikum in ihren Bann. Und wer dermaßen lässig-unbeeindruckt die Bühne nach einer nüchternen Amy Winehouse betritt oder eine Legende wie Roy Ayers bei „Everybody Loves The Sunshine“ dermaßen (stil-)sicher unterstützt, darf sich auch nicht wundern, wenn die Medien nur Lob für sie übrig haben und sich unter die Fans längst auch diverse andere Musikgrößen mischen – so zum Beispiel Gilles Peterson, David Byrne, Dennis Coffey, Daddy G von Massive Attack oder die Jungs von Groove Armada.

Auch haben in den letzten Jahren diverse Produzenten bei ihr angeklopft und sie als Albumgast ins Boot geholt: Mr Scruff zum Beispiel, Quantic und Nostalgia 77, wobei sie mit letzterem zusammen sogar jene Coverversion von „Seven Nation Army“ aufnahm, die noch Jahre später die Tanzflächen in Brand setzen sollte. Nach der Veröffentlichung von „Under The Munka Moon“, so der Titel ihres Debüts, arbeitete Alice Russell jedoch größtenteils mit TM Juke zusammen, ihrem Stamm-Producer und Band-Leader. Angefangen mit dem gemeinsamen Debüt der beiden, „My Favourite Letters“, bis hin zum „Pot Of Gold“-Album, hat dieses Dream-Team ein paar der größten Soul-Tracks seit den Heydays einer Aretha Franklin aufgenommen.

„Wir beide sind halt extrem offen, was den Songwriting-Prozess angeht“, berichtet Alice über die Zusammenarbeit mit TM Juke. „Das mag auch daran liegen, dass wir beide auf so unglaublich viele Genres und Musikstile stehen – also Puristen sind wir definitiv nicht. Wenn man einen Blick auf unsere Einflüsse wirft, findet man da alles von Sarah Vaughan bis Bach, von Kate Bush bis Arvo Pärt – oder auch von J Dilla bis Alice Coltrane. Mal feiern wir richtig dreckigen Dubstep ab, und im nächsten Moment ist es schon wieder richtig krasser Soul von der alten Schule. Wir geben uns da immer gegenseitig einen Stups in die richtige Richtung.“

So wichtig ihr die Studioarbeit und das Schreiben neuer Songs auch ist: Mitzuerleben, wie Alice Russell einen Club oder eine Konzerthalle verwandelt und ein Publikum in ihren Bann zieht, ist kaum in Worte zu fassen. Und ob das nun mit gewaltiger Band und viel Bläser-Nachdruck im Rücken oder im ganz kleinen Rahmen geschieht, tut dabei wie gesagt nichts zur Sache: „Ja, auf der Bühne ist das alles einfach viel direkter“, sagt sie auch selbst. „Ich stehe generell auf Dinge, die noch wandelbar sind – auf Freiräume! Im Studio hingegen kann sich das schon mal so anfühlen, als ob einer ein Foto von dir machen will. Das eigentliche Schreiben im Studio meine ich gar nicht, das ist der Hammer, aber dann den perfekten Take aufzunehmen, das ist gar nicht so leicht, wobei es auch echt aufregend sein kann. Nur live gibt’s diesen zweiten Versuch nun mal nicht, da muss man einfach automatisch alles geben.“

Ihre Liebe zur Bühne hat ihr schon diverse grandiose Momente und etliche Anekdoten beschert – so zum Beispiel das eine Mal in Japan, wo sie ihren Aufenthalt ursprünglich nur verlängert hatte, um das Dorf zu besuchen, aus dem ihr Tourpromoter stammte – allerdings wurde ihr dort ein interessantes Angebot gemacht: Fast schon wie im Film, konnte sie so lange wie sie wollte über ihr Hotelzimmer verfügen, wenn sie im Gegenzug ein improvisiertes Konzert im Dorf geben würde. „Und natürlich haben wir sofort zugesagt“, strahlt Alice noch heute. „Sämtliche Omas und Babys wurden angekarrt, und wir haben dann über so eine improvisierte Anlage, irgendwelche Boxen und Verstärker gespielt. Ganz klar einer der wunderschönsten Gigs, den ich je gespielt habe.“

Zu weiteren Bühnen-Highlights zählt z.B. auch ihr Auftritt mit The Roots in deren Heimatstadt Philadelphia, während eine noch größere Legende sie zwar nicht auf die Bühne, aber erst kürzlich ins Studio bat: David Byrne, der sie für sein aktuelles Album als Vokalgast engagierte.

„Überhaupt ist das Singen für mich der beste Weg, um meine Gefühle rauszulassen“, berichtet Alice weiterhin. „Manchmal fühle ich mich dann richtig high, gerade wenn ich in höheren Tonlagen singe. Mir tut es einfach gut: Wenn man das Gefühl hat, dass nichts so richtig klappt, geht’s einem gleich viel besser, wenn man die richtige Melodie auf den Lippen hat. Ich hab selbst Panikanfälle schon erfolgreich damit beenden können: Einfach ‘Songs In The Key Of Life’ von Stevie Wonder mitsingen – das ganze Album. Sollten vielleicht auch mal die Ärzte in ihren Maßnahmenkatalog aufnehmen: Gesang auf Rezept.“

Das 2012 gemeinsam mit Quantic veröffentlichte „Look Around The Corner“-Album wurde rund um den Globus abgefeiert: Soul und Blues kombinierten die beiden hier auch mit Folk- und Gospel-Elementen, wobei Quantics Combo Bárbaro für sämtliche Instrumente verantwortlich war. Über den Tracks, die sie in Quantics Sonido del Valle-Studio in dessen Wahlheimat Cali (nicht Kalifornien, sondern die Stadt in Kolumbien) aufnahmen, bewies Alice wieder einmal, wie vielseitig und scheuklappenfrei sie als Sängerin und Songschreiberin ist. Auch die ausverkaufte Tour zu dieser Albumveröffentlichung entpuppte sich Abend für Abend als ein einziges großes Fest.

Womit wir also beim neusten Kapitel in der Karriere von Alice Russell angekommen wären: Gemeinsam mit ihrem Producer-Buddy TM Juke aufgenommen, präsentiert sie das neue Album „To Dust“, das am 15.02.2013 erscheinen wird. Schon mit ihrer ersten Singleauskopplung „Heartbreaker“ unterstreicht sie, dass sie heute mehr Soul denn je hat: „Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung“, so ihr Kommentar, „von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“ Im Videoclip zu „Heartbreaker“ spielt übrigens Hollywood-Schauspieler Harry Shearer mit, der neben etlichen anderen Rollen auch als eine der wichtigsten Stimmen von The Simpsons bekannt ist.

Frühere Platten der Woche